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Regionalwährungen

Mehr als 6.000 Währungssystem

Fast jeder hat schon einmal mit komplementären, also „ergänzenden“ Währungen zu tun gehabt: Gutscheine, Geschenkmünzen, Rabattkarten, Bonuspunkte, Flugmeilen etc.. All dies sind Währungen, die einen Anspruch auf Waren oder Dienstleistungen darstellen. Unter Komplementärwährungen werden üblicherweise Gemeinschaftswährungen verstanden. Heute gibt es bereits mehr als 6.000 dieser Währungssysteme.
Die meisten haben weniger als hundert Mitglieder, einige aber zehntausende und eine in Japan sogar mehrere Millionen. In Japan werden komplementäre Währungen seit Jahrzehnten vom Staat gefördert und genutzt, und von Universitäten wissenschaftlich betreut und untersucht.
Anhand von sogenannten Regionalwährungen kann deutlich erkannt werden, wie neue Geldmodelle funktionieren können. Die Zeit für alternative Währungssysteme ist reif, denn die Frustration über die ungebremste Globalisierung, bei der es immer weniger Gewinner und immer mehr Verlierer gibt, nimmt zu. Das Geld als Spielball für Spekulanten, die ganzen Staaten die finanzielle Existenzgrundlage entziehen (Griechenland), das Geld als Waffe, mit der die Schätze der Welt aufgekauft und einer kleinen Elite zur Verfügung gestellt werden, ist heute durch seine globale Dimension so gefährlich geworden, dass niemand mehr die Bedrohung übersehen kann.

Das heutige Geldsystem zwingt uns dazu, in erster Linie dem Ziel der Geldvermehrung nachzujagen. Der Urfehler im System, der Zinseszins, übt auf die Wirtschaft nicht nur einen exponentiellen Wachstumszwang aus, sondern führt auch zu einer großen Umverteilung von Geld von der großen Mehrheit zu einer kleinen Minderheit.

Pro Tag werden in Deutschland 600 Millionen Euro umverteilt

Ein erster Schritt in Richtung natürlichem Geldbewusstsein heißt: wertebasiertes Investment. Es ist von grundlegender Bedeutung, dass wir Menschen begreifen, dass unsere Geldanlagen unserem eigenen Wertesystem entsprechen sollten. Bereits heute gibt es Geldsysteme, die statt eines Geldgewinns einen bestimmten Nutzen optimieren. Es existieren schon heute Beispiele wie die schwedische JAK-Mitgliedsbank, die ganz ohne Zinsen auskommt.

Was sind erfolgreiche Regionalwährungen & warum?

Die erfolgreichste deutsche Regionalwährung ist der Chiemgauer. Christian Gelleri  startete die Initiative 2002 mit sieben Schülerinnen. Inzwischen arbeiten die Landkreise Rosenheim und Traunstein mit diesem Regiogeld. Fast 180.000 Chiemgauer sind bar in Umlauf, 2010 führte dies zu einem Umsatz von ca. 5 Millionen Euro. 3000 Mitglieder verwenden die Zweitwährung, und rund 600 Geschäfte und Unternehmen akzeptieren ihn. Der Wert des Chiemgauer entspricht dem Euro 1:1 und wird mit diesem gedeckt. Als Umlaufsicherung für das Regiogeld dient ein Verfallsdatum.
Das bedeutet, er verliert pro Quartal zwei Prozent seines Wertes. Der Verbraucher ist also bestrebt, den Chiemgauer auszugeben. Sonst muss er ihn am Ende des Quartals mit einer Klebemarke um zwei Prozent abwerten. Dies sorgt dafür, dass der Chiemgauer schneller umläuft, dass er die Weitergabe und damit die regionale Wertschöpfung fördert und nicht in spekulativer Absicht dem Geldkreislauf entzogen wird. Möchten Unternehmer erhaltene Chiemgauer in Euro umtauschen, wird der Regionalbeitrag fällig. Diese Rücktauschgebühr kommt regionalen Vereinen zugute und soll dazu beitragen, den Chiemgauer im regionalen Kreislauf zu halten.
Regionalwährungen ermöglichen eine teilweise Entkoppelung der Region von der globalisierten Wirtschaft und wirken wie eine halb durchlässiger Schutzwall, der besonders die ländlichen Regionen vor dem Ausbluten bewahren kann.  Sie schaffen auf vielfältige Art neue Liquidität:

  • durch Gutscheine, die durch Euro abgesichert sind
  • durch Kaufleute, die sich zusammenschließen und ihr eigenes, auf einen bestimmten Prozentsatz ihrer Umsätze abgesichertes Geld herausgeben
  • durch bargeldlose Verrechnungssysteme oder zinslose Spar- und Leihgemeinschaften

Da Wertschöpfung und Überschüsse in der Region bleiben, sinkt die Arbeitslosigkeit. Darüber hinaus wird die regionale Identität gestärkt und die Zusammenarbeit der Bewohner wächst. Zwischen Konsumenten und Produzenten entstehen engere Beziehungen, und die Transportwege verkürzen sich. Obendrein kann so Energie gespart werden.

Regiogeld from Ronny Wagner on Vimeo.

Einfach, transparent und demokratisch

Komplementäre Währungssysteme sind richtig angewandt, für alle, die daran teilnehmen, ein Gewinn. Vom heutigen Geldsystem profitieren hingegen nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung, während 90 Prozent draufzahlen. Weil sie durch Waren und Dienstleistungen abgesichert sind, erzeugen sie keine Inflation, sondern fördern die Stabilität des Geldsystems.
Da ihr Entstehungsprozess einfach und transparent ist, können sie auch demokratisch kontrolliert werden. Sie bringen vorhandene Ressourcen mit einem ungedeckten Bedarf zusammen und können damit neue Arbeitsplätze schaffen, die sich im herkömmlichen Geldsystem nicht rechnen. Sie verbessern das Angebot an Sozialleistungen und stiften Nutzen, der sonst nicht zustande käme.

Eine kollektive Intelligenz

So wie es unterschiedliche Hausentwürfe oder Kraftfahrzeuge für verschiedene Zwecke gibt, kann es auch verschiedene Geldentwürfe für verschiedene Zwecke geben. Warum sollte ein Kind ein Eis um die Ecke mit dem gleichen Geld kaufen und Bezahlen, mit dem in Japan Autos oder in China Firmenbeteiligungen gekauft werden?
Anstelle sozialer Programme, die sich mit dem Transfer finanzieller Ressourcen von Reich zu Arm begnügen, sind Komplementärwährungen ein völlig neuer Weg, um den Anspruch auf soziale Leistungen und mehr soziale Gerechtigkeit einzulösen.  Einmal eingeführt, können sie sich selber finanzieren, ohne den Staatshaushalt zu belasten. Sie sind hoch innovative Selbsthilfemittel, die durch kreatives Handeln im Sinne einer „kollektiven Intelligenz“ die Eigeninitiative von Einzelnen und Gruppen fördern.
Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die das herkömmliche Geldsystem durch neu zu schaffende Währungen ergänzen soll. Das Ziel ist, im Zusammenspiel der verschiedenen Währungen einen Weg zu einer ausgeglichenen, den Menschen dienenden und von Menschenbeherrschbaren Globalisierung zu finden.
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Autor: Ronny Wagner

Ronny Wagner ist Finanz-Blogger, Geldcoach, Inhaber des Edelmetallhändlers Noble Metal Factory und Gründer der „Schule des Geldes e.V.“. Er widmet sich seit 2008 dem Thema „Finanzbildung“ und hält das für einen Teil der Allgemeinbildung. Dabei ist sein Ziel, Menschen in finanziellen Fragestellungen auszubilden, um dadurch ein Leben in Wohlstand zu erreichen.