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Konstellation am Papiergoldmarkt surreal

Schon seit längerer Zeit herrscht im Bereich Edelmetalle eine große Diskrepanz zwischen den sogenannten Papiermärkten und den physischen Metallen aus Gold und Silber. Aktuell stellt sich die Situation so dar, dass am Derivatemarkt, also an den sogenannten Papiersilber- und Papiergoldmärkten, eine äußerst große Anzahl an einzelnen Kontrakten gehandelt wird. Experten sind der Auffassung, dass der Grund darin besteht, die Silber- und Goldpreise in möglichst großem Umfang zu drücken. Anders stellt sich die Situation jedoch im Bereich der physischen Märkte dar. Dort ist die Nachfrage sehr groß.

Hoher Druck auf die Preise an der COMEX

An der COMEX, an der unter anderem auch Derivate auf Gold und Silber gehandelt werden, gibt es momentan einen relativ hohen Druck auf die Edelmetalle. Mit teilweise sehr hohen Volumina versuchen Akteure am Markt, den Goldpreis mit Hilfe von Derivaten zu drücken. Zwar gibt es zwischenzeitlich immer wieder kleine Erholungen, jedoch schlägt der Verkaufsdruck derzeit so durch, dass letztendlich die Preise an den Papiermärkten fallen.

Vor einigen Tagen zum Beispiel wurden nicht weniger als fast 350.000 Kontrakte auf Gold im Rahmen des April-Futures gehandelt. Wenn man dann bedenkt, dass lediglich ein Future gleichzusetzen mit 100 Unzen Papiergold ist, würde das einer Gesamtmenge von sage und schreibe fast 35 Millionen Unzen Papiergold entsprechen, die vor einigen Tagen an lediglich einem Tag an der COMEX gehandelt werden. Die Diskrepanz ist umso verblüffender, wenn man sich einmal vor Augen führt, wie viel physisches Gold pro Jahr tatsächlich real gefördert bzw. produziert wird.

Was ist ein Derivat? Der Begriff Derivat leitet sich vom lateinischen Wort „derivare“ ab. Es bedeutet Ableitung. Ein Derivat ist ein Finanzprodukt, dessen Preis sich von einem Basisprodukt wie beispielsweise einem Rohstoff oder einer Aktien ableitet. Der Preis eines Derivats hängt somit von diesem Basiswert (Underlying) ab und profitiert vom zukünftigen Anstieg oder Verfall des Underlyings. Dabei ist das Derivat so konstruiert, dass sein Preis den des Basisprodukts überproportional nachvollzieht. Eine Besonderheit des Derivates ist es, dass der Anleger den Basiswert gar nicht besitzen muss, er dennoch an der Preisentwicklung desselben partizipieren kann.  

Dreifache Jahresproduktion wird an einem Tag gehandelt

Tatsächlich ist aktuell das Verhältnis vom sogenannten Papiergold zum physischen Edelmetall schlichtweg völlig außer Rand und Band geraten. Wie zuvor beschrieben, werden derzeit durchschnittlich etwa 300.000 Kontrakte Gold an der COMEX pro Tag gehandelt, die ungefähr 30 Millionen Unzen Gold entsprechen würden. Nun wissen wir, dass die zwei weltweit größten Goldproduzenten, Newmont Gold und Barrick Gold, innerhalb eines Jahres zusammen etwa 10 Millionen Unzen Gold fördern. Dies wiederum bedeutet, dass an den Derivatemärkten derzeit pro Tag dreimal so viel Gold in Papierform gehandelt wird, als die gesamte Jahresproduktion der zwei größten Goldminen-Betreiber ausmacht.

Diese große Diskrepanz gibt es aktuell übrigens nicht nur beim Gold, sondern ebenso beim zweitbeliebtesten Edelmetall, dem Silber. Hier ist in den letzten Tagen ebenfalls deutlicher Verkaufsdruck festzustellen, denn dort wurden pro Tag in letzter Zeit durchschnittlich etwa 90.000 bis 120.000 Kontrakte gehandelt. Dies wiederum führt zu einem gehandelten Tagesvolumen von etwa 640 Millionen Unzen Silber. Auch hier ist die Diskrepanz zwischen Papiersilber und physischem Silber bezüglich der realen Produktion extrem. So wird derzeit an den Papiersilbermärkten achtmal so viel Papiersilber an einem Tag gehandelt, wie von den wichtigsten Silber-ETFs innerhalb eines Monats als Zufluss verbucht wird.

Extremer Einfluss der Terminmärkte auf den Gold- und Silberpreis

Als Fazit zur aktuellen Diskrepanz zwischen den Papiergold- bzw. Papiersilbermärkten und den physischen Edelmetallen ist festzuhalten, dass ein enormer Einfluss auf den Preis seitens der Derivatemärkte besteht. Insbesondere die gehandelten Volumina haben nicht mehr ansatzweise etwas mit der realen Produktion von Gold und Silber zu tun. Tatsächlich klingt es völlig absurd, wenn zum Beispiel an einem Tag an den Terminmärkten dreimal so viel Gold gehandelt wird, wie von den zwei größten Goldminenbetreibern in einem Jahr hergestellt wird. 

Der Handel mit Papiergold und Papiersilber ist also mittlerweile völlig abgehoben von den physischen Edelmetallen, insbesondere im Hinblick auf das Volumen. Hinzu kommt, dass momentan scheinbar besonders viele Akteure am Markt sind, die gerne fallende Gold- und Silberpreise sehen möchten. Die Nachfrage nach physischem Gold und Silber hingegen ist nach wie vor ungebrochen stark, denn Edelmetalle sind als Anlageform äußerst beliebt. Kaum auszudenken was passiert, wenn sich die Terminmarktspekulanten von den Papiergold- bzw. Papiersilberansprüchen abwenden und eine physische Auslieferung des Kontraktes wünschen. Dann geht es wie bei dem Spiel „Die Reise nach Jerusalem“ zu. 

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Autor: Ronny Wagner

Ronny Wagner ist Finanz-Blogger, Geldcoach, Inhaber des Edelmetallhändlers Noble Metal Factory und Gründer der „Schule des Geldes e.V.“. Er widmet sich seit 2008 dem Thema „Finanzbildung“ und hält das für einen Teil der Allgemeinbildung. Dabei ist sein Ziel, Menschen in finanziellen Fragestellungen auszubilden, um dadurch ein Leben in Wohlstand zu erreichen.