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Inflation – die große Verwirrung

Heftige Preissteigerungen die in keiner offiziellen Statistik auftauchen. Notenbanken, die frisches Geld ohne Ende drucken. Regierungen, die immer neue Schulden machen. Und alle wiegeln ab: Inflation ist kein Problem, sagen Zentralbanker, Politiker, Banken und Wissenschaftler beinahe unisono. Wirklich?

Die meisten Menschen haben ein Problem, das Narrativ von der Inflation zu verstehen. Wenn ich mit Menschen über die Inflation spreche, so erhalte ich häufig die Aussage: Die Inflation ist eigentlich viel höher. Wie kommt es zu dieser Aussage? Warum empfinden Menschen die offiziellen Verlautbarungen als surreal? Und warum sprechen die Menschen selbst von gefühlter Inflation? Das die offiziell verkündete Inflationsrate hinten und vorne nicht stimmt, kann man ganz gut an der eigenen Brieftasche und den alltäglichen Konsumausgaben feststellen. Gibt es Gründe, warum die Politik, Banken und Wissenschaft die Bürger über die wahre Höhe der Inflation im Dunkeln tappen lässt? Versuchen wir etwas Licht in die Sache zu bringen und decken die größten Irrtümer über die Geldverwässerung und -entwertung auf.

Es besteht ein Widerspruch zwischen der Deflationsangst der Europäischen Zentralbank, die deswegen in den letzten Jahren immer wieder den Leitzins senkte und die von den Verbrauchern wahrgenommenen Inflationsrate. Oft höre ich das Argument, die Inflationsrate sei manipuliert. Über das Warum möchte ich nicht spekulieren. Ein altes chinesisches Sprichwort sagt, jede Sache hat drei Seiten. Eine, die du siehst, eine, die ich sehe und eine, die wir beide nicht sehen. Zu der Frage der Manipulation lassen sich sicher verschiedene Argumente finden. Welches an der Stelle die richtige Schlussfolgerung ist, ist in meine Augen sekundär. Es ist völlig ausreichend zu wissen, wie hoch die tatsächliche Inflation ist und wie man sich vor ihr schützen kann. Konzentrieren wir uns darauf, eine geeignete Strategie zu entwickeln, um nicht zu den Verlierern zu gehören.

Menschen sind verschieden. Sie haben unterschiedliche, Fähigkeiten, Talente, Begabungen, Ziele und Bedürfnisse im Leben. Dadurch unterscheiden sich auch ihre Ausgaben für Dienstleistungen, Gesundheit,  Urlaub, Nahrungsmittel und Energie. Deswegen kann es nicht die Inflationsrate geben. Daher ist es nur allzu verständlich, wenn Menschen auch unterschiedliche Inflationswahrnehmungen haben. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden ist für die Erhebung und Veröffentlichung der „Inflationsrate“ verantwortlich. Das auch dieses Behörde davon ausgeht, dass es unterschiedliche Inflationsraten gibt, kann auf der Internet-Seite des Statistischen Bundesamts nachrecherchiert und nachgerechnet werden. Bürger können hier mit dem „persönlichen Inflationsrechner“ die Gewichtung der Güter und Dienstleistungen an die eigenen Kaufgewohnheiten anpassen und somit ihre individuelle Inflationsrate ermitteln. Die von Menschen kommunizierte gefühlte Inflation ist im Grunde genommen nichts weiter als die persönliche Inflation.

Gehen wir einen nächsten Schritt und schauen uns an, wie das Statistische Bundesamt die Inflationsrate definiert? Auf der Webseite finden wir folgende Aussage: „Der Verbraucherpreisindex misst monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland für Konsumzwecke kaufen. Die Veränderung des Verbraucherpreisindex zum Vorjahresmonat bzw. zum Vorjahr wird als Teuerungsrate oder als Inflationsrate bezeichnet. Beim Berechnen des Verbraucherpreisindex bzw. der Inflationsrate verwenden wir einen „Warenkorb“, der 650 Güterarten umfasst und sämtliche von privaten Haushalten in Deutschland gekauften Waren und Dienstleistungen repräsentiert.“  

Es ist interessant, dass hier die Teuerungsrate und die Inflationsrate synonym verwendet werden. Doch gibt es bei diesen beiden Begriffen Unterschiede in der Definition, die am Ende den sprichwörtlichen Kohl doch fett machen. Nur wenn diese Nuancen dem Leser klar sind, können wir den elementaren Unterschied dieser beiden Begriffe verstehen.

Worin liegt also der Unterschied?  Schauen wir uns zunächst das Wort „Teuerung“ im DUDEN an. Das Wort stammt vom spätmittelhochdeutschen Begriff „tiurung“ ab, was „Preis“ bedeutet. Unter Teuerung versteht man das Teurerwerden einer Sache bzw. einen Preisanstieg. Grenzen wir nun den Begriff „Teuerung“ vom Begriff der „Inflation“ ab. Inflationsrate ist der Prozentsatz, der die Entwertung einer Währung durch Inflation angibt. Inflation beschreibt also die mit Geldentwertung und Preissteigerungen verbundene, beträchtliche Erhöhung des Geldumlaufs im Verhältnis zur Produktion. Das Wort stammt vom lateinischen Begriff „inflatio“ ab, was Aufschwellen bedeutet.

Daraus ergibt sich nun folgende Erkenntnis. Teuerung bedeutet lediglich Preisanstieg. Der Begriff gibt keinen Aufschluss über die Ursache des Preisanstiegs. Der Grund ist demnach unbestimmt. Es könnte sich beispielsweise um ein verändertes Angebots- und Nachfrageverhalten der Konsumenten  handeln oder aber eine verstärkte Gewinnerzielungsabsicht des Verkäufers, welche das Produkt oder die Dienstleistung verteuert. Bei der Inflation wird klar benannt, warum es zu einem Preisanstieg gekommen ist. Durch eine Geldentwertung, die stattgefunden hat aufgrund einer beträchtlichen Erhöhung des Geldumlaufs im Verhältnis zur Produktion. Es wurde also mehr Geld in Umlauf gebracht, als Waren und Dienstleistungen in der Volkswirtschaft produziert wurden. Das Geldangebot ist größer als das Warenangebot. Dieses Missverhältnis führt letztlich zu einem Anstieg des Preisniveaus. Nutznießer dieser Entwicklung sind Menschen, die zuerst in den Genuss des frisch geschaffenen Geldes kommen. Mit diesen zusätzlichen Geldeinheiten können Waren und Dienstleistungen erworben werden, dessen Preise sich noch nicht an das neue Geldangebot angepasst haben. Dieser Cantillon-Effekt führt zu einer Spaltung der Gesellschaft in Inflationsgewinner und Inflationsverlierer. Hinzu kommt hier, das die Preisveränderungen nicht nur die Waren des täglichen Bedarfs betreffen darf. Sondern es muss eine Untersuchung der Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus erfolgen. Dies schließt andere Märkte mit ein. Beispiele hierfür sind der Immobilien- oder der Aktienmarkt. Preisveränderungen auf allen Märkten, auf denen sich Menschen  normalerweise tummeln müssen in der Inflationsberechnung berücksichtigt werden. Steigen die Preise auf den Anlagemärkten, dann ist das natürlich für die meisten Anleger ein positiver Effekt. Sie nehmen das überhaupt nicht als Inflation war. Zumindest ist hier die Inflation im Gegensatz zu den Gütermärkten „erwünscht“.

Was misst nun das Statistische Bundesamt? Fakt ist, dass lediglich eine Veränderung der Preise eines 650 Warenarten umfassenden Warenkorbes gemessen werden. Auf was diese Preisveränderungen zurückzuführen sind, ist nicht Bestandteil der Erhebung und Untersuchung. Dies lässt den Schluss zu, dass hier lediglich die Teuerungsrate gemessen wird. Ein Rückschluss auf die Inflationsrate kann nicht ohne weitere Betrachtungen erfolgen. Dies würde eine Analyse der Geldmengenveränderungen zusätzlich notwendig machen. Offensichtlich findet diese Erhebung nicht statt und somit fließt diese Veränderung nicht in die Inflationsratenermittlung ein. So kommen also falsche Zahlenwerte zustande und erzeugen bei vielen Menschen das verzerrte Bild über die tatsächliche Inflation.

Doch sind dies nicht die einzigen Unzulänglichkeiten bei der Berechnung der Inflationsrate. Ein weiteres Werkzeug der Statistiker ist die hedonische Methode. Es gibt Waren und Dienstleistungen die sich im Laufe der Zeit durch den Fortschritt verbilligen. Auch sind gerade Qualitätsverbesserungen oder Mehrleistungen ein beliebtes Mittel der Statistiker, Preisanpassungen vorzunehmen, die Ware also günstiger zu machen. Umgekehrt fließen in die Warenkorbberechnung Produktverschlechterungen nicht ein. Ob der Kunde diese Optimierung überhaupt will oder braucht, danach fragt der Statistiker natürlich nicht. Das Ziel der Berechnungsmethode ist schließlich erreicht. Eine künstlich niedrige Inflationsrate.

Doch warum halten die Behörden die Inflationsraten gern unten? Ein Zitat des berühmten britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883-1946) dürfte es auf den Punkt bringen: „Mit dem kontinuierlichen Prozess der Inflation kann der Staat heimlich und unbeachtet einen großen Teil des Reichtums seiner Bürger konfiszieren. Mit dieser Methode können die Regierungen nicht nur konfiszieren, sondern willkürlich konsfiszieren (. . .) Der Prozess stellt alle verborgenen Kräfte der ökonomischen Gesetze in den Dienst der Zerstörung, und er macht es auf eine Art und Weise, die nicht einer aus einer Million Menschen zu erkennen vermag.“ Mit einer niedrigen Inflationsrate ist es dem Staat möglich, Menschen quasi fast unbemerkt zu enteignen und eine Umverteilung zu initiieren. Hinzu kommt, dass die  Inflation einer Steuer gleichkommt, die nicht von einem Parlament verabschiedet werden braucht. Es ist ein Fakt, dass niedrige Inflationsraten nicht als Nachteil wahrgenommen werden. Den meisten Menschen ist dieser Effekt gar nicht bewusst. Anders sind gewissen Anlageentscheidungen der Deutschen nicht zu deuten. Schließlich leben wir in der Eurozone schon seit der Einführung des Euro mit Inflation. Kritisch empfinde ich es, wie der EZB-Rat, immerhin das oberste Beschlussorgan der Europäischen Zentralbank, die Preisstabilität in der Eurozone definiert. Im Jahr 1998 gab der EZB-Rat folgende Definition zum besten: „Preisstabilität wird definiert als Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für das Euro-Währungsgebiet von unter 2% gegenüber dem Vorjahr.“ Mitte 2021 wurde die Definition zuletzt noch einmal angepasst. „Nach Auffassung des EZB-Rats kann Preisstabilität am besten gewährleistet werden, wenn mittelfristig ein Inflationsziel von 2 % angestrebt wird. Dieses Ziel ist symmetrisch, d. h. negative Abweichungen von diesem Zielwert sind ebenso unerwünscht wie positive.“ Mit einer Geldentwertung von 2 Prozent pro Jahr schwindet die heutige Kaufkraft von 10.000 Euro auf 6.729 Euro im Jahr 2042. Mit einem Kopfschütteln nehme ich die Auslegung des Begriffs Preisstabilität seitens der EZB und deren Fachleute zur Kenntnis.

Bleibt noch die Frage zu klären, wie denn nun die tatsächliche Inflationsrate zu ermitteln sei. Es gibt eine einfache Faustformel, die in der volkswirtschaftlichen Forschung eingesetzt wird. Danach entspricht die Inflationsrate dem Wachstum der Geldmenge minus dem Wirtschaftswachstum. Das ist logisch und entspricht auch der Wortbedeutung. Denn eigentlich sollte die Geldmenge durch die Wirtschaftsleistung eines Staates gedeckt sein. Ist sie das nicht, steht der Geldvermehrung keine gestiegene Wirtschaftsleistung gegenüber. Das Ergebnis heißt Inflation oder Geldverwässerung. Aus dieser Berechnungsmethode ergibt sich für Deutschland, dass die Preise von 2001 bis Ende 2012 um 66 Prozent gestiegen sind – und nicht um gut zwölf Prozent, wie es die offizielle Statistik glauben machen will. In anderen Worten: Die „wahre“ Inflationsrate lag im Durchschnitt dieser Jahre eher bei sechs als bei den offiziell vermeldeten 1,55 Prozent.

Unser Wirtschaftssystem ist auf Pump angelegt. Konsum und Investition erfolgt bereits bevor die eigentliche Leistung erbracht wird. Das ist so, also ob man eine Glühlampe heute mit Strom betreiben möchte, der erst in einem Monat geliefert wird. Also wird einfach mehr Geld herausgegeben, als Wirtschaftsgüter existieren. Der Staat nimmt aus dem Nichts heraus neue Schulden auf. Und das Jahr für Jahr immer aufs Neue. So entsteht der Effekt von Wirtschaftswachstum, welcher jedoch zum Zeitpunkt der Geldentstehung nicht durch wirtschaftliche Aktivität gedeckt ist. Und dann passiert das, was in den letzten Jahren mit diesen frischgedruckten Währungseinheiten passiert ist. Das Kapital sucht sich einen Markt. Und führt dort zu Preissteigerungen. Wir konnten alle die Entwicklungen an den weltweiten Finanzmärkten beobachten. Auch wenn viele Anleger dies nicht als Inflation wahrgenommen haben. Beispielsweise zeigt der Buffet-Indikator für US-Aktien mit über 200% des BIP aktuell eine gewaltige Überbewertung an. Sie liegt sehr deutlich über jenen 140% Überbewertung am Hoch von 2000. Der Buffet-Indikator bildet das Verhältnis der gesamten Aktienmarktkapitalisierung zum Bruttoinlandsprodukt ab. Eine Entwicklung die sich in den nächsten Jahren sicherlich korrigieren wird. Kommen wir zu den Schulden zurück. Grundsätzlich sind Verbindlichkeiten per se nicht schlecht. Die Frage lautet, was mit den neu aufgenommen Schulden passiert. Werden nur Löcher geflickt oder wird das frische Kapital investiert, um einen Mehrwert zu erzielen. Denn wir dürfen ein mathematisches Phänomen nicht aus den Augen verlieren. Den Zins- und Zinseszinseffekt. Denn von Jahr zu Jahr wachsen der Schuldenberg und die Zinslast. Also muss der Staat immer mehr Kredite aufnehmen, von dem ein immer größerer Teil nicht mehr zur Stimulierung der Wirtschaft, sondern zur Bedienung der Zinsen verwendet wird. Wenn ich persönlich über Schulden nachdenke, kommen mir immer zuerst die Worte des ehemaligen deutschen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht in den Sinn: „Verschuldung ist nichts weiter als vorgezogener Konsum, der in der Zukunft ausfällt.“ Weise Worte, die auf eine schwierige Zukunft hinweisen.

Gelebte Praxis der Politik ist die Finanzierung der Staatsschulden durch die Notenpresse. Dieses Vorgehen schadet den Sparern massiv – sie erhalten im besten Fall nur noch Minizinsen. Durch die Inflation schmelzen Ersparnisse und die Altersvorsorge schnell wie  Eis in der Sonne. Die meisten Sparer freuen sich dann zwar, dass ihre Investitionen auf dem Papier an Wert zulegen. Real, also nach Abzug der Inflation steht jedoch das größte Verlustgeschäft für den Sparer. Denn letztlich muss alles in Form von Kaufkraft analysiert und gemessen werden. Bloße Zahlen auf dem Papier machen kein Vermögen aus. Die Moral von der Geschichte: Die Inflation ist der größte Feind des Sparers. Sie schrumpft die Ersparnisse der Bürger. Inflationsfreundliche Politik ist letztlich das Spiegelbild einer  eigentumsfeindlichen Gesinnung der uns Regierenden.

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Autor: Ronny Wagner

Ronny Wagner ist Finanz-Blogger, Geldcoach, Inhaber des Edelmetallhändlers Noble Metal Factory und Gründer der „Schule des Geldes e.V.“. Er widmet sich seit 2008 dem Thema „Finanzbildung“ und hält das für einen Teil der Allgemeinbildung. Dabei ist sein Ziel, Menschen in finanziellen Fragestellungen auszubilden, um dadurch ein Leben in Wohlstand zu erreichen.