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Negativzinsen: 350 Banken bitten ihre Kunden zur Kasse

Sparen bringt in der heutigen Zeit nicht nur keine Rendite mehr, wer zu viel spart, verliert sogar noch weit mehr als „nur“ die Inflation. Wie aus einer Studie des Vergleichsportals Verivox hervorgeht, sind nämlich immer mehr deutsche Banken gewillt, die eigenen Negativzinsen an den Endkunden weiterzureichen. So wird das große Ersparte schnell zur Last: und sukzessive von negativen Zinsen aufgefressen.

Leitzins führt bei Banken zum Umdenken: zur Last des Endverbrauchers

Eigentlich sollte das Ersparte heilig sein: eine Rücklage für schlechte Zeiten oder der erste Schritt in Richtung eines Eigenheims. Warum gespart wird, mag sich unterscheiden, Sicherheit aber gibt es immer – schließlich wird Erspartes normalerweise nicht weniger, sofern es sein Besitzer nicht verbraucht. Genau diese uralte Regel ändert sich nun zusehends, was kaum überraschend dem historisch niedrigen Leitzins geschuldet ist. 

Wir erinnern uns: Zur Wirtschaftskrise in den Jahren 2007-2009 wurden die Leitzinsen massiv reduziert, um das System vor einem potentiellen Kollaps zu bewahren. Während sie sich in den USA kurzzeitig wieder stabilisierten, bewegen sie sich in der EU seither auf diesem niedrigen Niveau – das bedingt durch die Coronapandemie noch zusätzlich gedrückt wurde. Heute verdienen Banken also nicht mehr nur nichts an den Einlagen ihrer Kunden, sie müssen für diese sogar kräftig draufzahlen. Bei immer mehr Bankenhäusern ist offensichtlich der Punkt erreicht, wo die Verantwortlichen nicht mehr gewillt sind, diese Kosten in die eigene Bilanz zu nehmen – und sie stattdessen vom Kunden zahlen lassen.

Ein Blick in die jüngeren Geschichtsbücher zeigt: Ende 2020 waren es noch 179 Banken (laut Verivox), die Negativzinsen an den Endkunden weitergeben. Nun sind es ein halbes Jahr später schon 350. Tendenz? Steigend!

Steigungen an allen Stellen: und allesamt zur Last des Kunden

Auffällig ist hinsichtlich der Tendenz ebenfalls, dass nicht nur die absolute Zahl der Geldhäuser ansteigt, die die Negativzinsen weitergeben. Ebenso steigt bei vielen Banken der Zinssatz selbst an und/oder die Schwelle reduziert sich, ab wann dieser Negativzins erhoben wird. In der jüngeren Vergangenheit galt dieser bei den Banken, die ihn erheben, vor allem ab Giro- und Sparkonto-Guthaben von 100.000 Euro aufwärts. Somit war der „kleine“ Sparer davon relativ unberührt.

Die neueste Verivox-Studie zeigt aber ebenso, dass sich die Schwelle immer weiter reduziert. Schon mehr als 100 Banken erheben solche „Strafzinsen“ ab Einlagen von 50.000 Euro oder sogar noch weniger. Ein prominenter Vertreter reihte sich darin zuletzt ein: die ING kündigte an, die Strafzinsgrenze von ehemals 100.000 Euro auf 50.000 Euro zu reduzieren. Die deutsche Commerzbank/Comdirect kündigte ähnliche Schritte ebenfalls an, wobei speziell die Comdirect generell an der Kostenschraube nach oben drehte.

Komplex wird es für den Verbraucher deshalb, weil der Negativzins oftmals wie der Wolf im Schafspelz agiert. Ab einer Einlage von 50.000 Euro einen gewissen Prozentsatz als Strafzins zu erheben, ist die offensichtlichste und direkteste Variante davon. Ebenso erheben mittlerweile aber immer mehr Banken verdeckte Strafzinsen, indem sie einfach an vielen anderen Stellen die Gebühren erhöhen. Laut der Verivox-Studie erheben beispielsweise 20 Banken Gebühren auf das eigentlich sonst eher kostenlose Tagesgeldkonto. Des Weiteren sind immer weniger Konten dauerhaft kostenlos – und werden überschattet von Kontoführungsgebühren, die man sonst eher von klassischen Filialbanken wie den Sparkassen kannte.

Geschäftsbanken müssen aktuell für EZB-Einlagen einen Strafzins von 0,5 % zahlen. Dieser Zinssatz ist es in der Regel auch, der an den Endverbraucher weitergereicht wird. Das geschieht nicht immer transparent. Einige Banken führen Strafzinsen gar nicht öffentlich, andere verschleiern die Grenze. Daher sollten Verbraucher künftig sehr genau ins Preis-/Leistungsverzeichnis und die AGBs schauen. Vor allem Neukunden! Bestandskunden haben den Vorteil, dass es einer individuellen Vereinbarung über den Strafzins bedarf und sie daher nicht uninformiert bleiben.

Noch nicht abschließend geklärt, ob Negativzinsen überhaupt rechtens sind

Im Hintergrund arbeiten die Mühlen der Justiz. Die Verbraucherzentrale Bundesverband vertritt beispielsweise die Ansicht, Negativzinsen auf Giro- oder Tagesgeldkonten sollten generell nicht erlaubt sein, hat also Anklage erhoben. Aktuell existiert jedoch noch kein Gerichtsurteil, weshalb zumindest zum aktuellen Zeitpunkt gilt, dass die Banken Strafzinsen erheben dürfen. Es obliegt in der Folge jedem Verbraucher selbst sich zu informieren, ob die eigene Bank Strafzinsen erhebt, aber welcher Höhe diese eintreten und wie hoch sie bemessen sind. Des Weiteren haben Verbraucher ein weiteres starkes Instrument in der Hand: sie können die eigene Bank einfach wechseln.

Das ist aber ebenfalls mit zunehmend mehr Aufwand und einer akribischeren Wahl der neuen Bank verbunden, denn die Zahl der Geldhäuser, die gar keine Negativzinsen oder vergleichbar hohe Gebühren erheben, sinkt kontinuierlich. Geprüft wurden laut Verivox übrigens rund 1.300 Banken und Sparkassen, Negativzinsen wurden bei den eingangs erwähnten 350 festgestellt. Noch existieren also genügend Alternativen für Endverbraucher.

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Autor: Ronny Wagner

Ronny Wagner ist Finanz-Blogger, Geldcoach, Inhaber des Edelmetallhändlers Noble Metal Factory und Gründer der „Schule des Geldes e.V.“. Er widmet sich seit 2008 dem Thema „Finanzbildung“ und hält das für einen Teil der Allgemeinbildung. Dabei ist sein Ziel, Menschen in finanziellen Fragestellungen auszubilden, um dadurch ein Leben in Wohlstand zu erreichen.