1x1 der Finanzen Blog

Mangelhafte finanzielle Bildung – neue Studie zeigt gravierende Wissenslücken

Zwei aktuellen Umfragen zufolge weisen Jugendliche in Deutschland erhebliche Lücken auf dem Gebiet der ökonomischen Bildung auf. Den Begriff „Inflationsrate“ können 44 Prozent der 14- bis 24-Jährigen nicht erklären. Auch die Einschätzung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen über ihre eigene Finanzbildung und die Leistungsfähigkeit der Schulen auf diesem Gebiet fällt ernüchternd aus. Fast drei Viertel der Jugendlichen wünschen sich einen höheren Stellenwert der Ökonomie in der Schule. 

Aktuelle Inflationsrate weitgehend unbekannt

Das Forschungsinstitut Kantar hat im Auftrag des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) eine repräsentative Befragung über die ökonomische Bildung durchgeführt. Dafür wurden im Sommer 2021 700 Personen im Alter von 14 bis 24 Jahren per Telefon interviewt. Die Frage, was eine Aktie ist, konnten in der Erhebung 31 Prozent der Teilnehmer nicht beantworten. 68 Prozent der befragten Jugendlichen kennen demzufolge nicht die Aufgaben der Europäischen Zentralbank (EZB). 86 Prozent der Befragten konnten die aktuelle Inflationsrate in Deutschland nicht nennen. Diese Ergebnisse belegen eine deutliche Verschlechterung gegenüber der letzten Befragung aus dem Jahr 2018. Damals war mehr als die Hälfte der Jugendlichen in der Lage, die Funktion der Europäischen Zentralbank korrekt zu benennen. 

Problembewusstsein vorhanden, aber Wissensstand zu gering

68 Prozent der befragten Jugendlichen berichteten, sie hätten in der Schule wenig oder kaum etwas über wirtschaftliche Zusammenhänge gelernt. Zudem erklärten 77 Prozent, dass ihrer Ansicht nach Wirtschaft als eigenes Fach an den Schulen in Deutschland eingeführt werden sollte. Demzufolge sind sich junge Menschen der Bedeutung des Finanzwissens für den Berufsstart bewusst, befürchten aber, diese Anforderungen selbst nicht hinreichend zu erfüllen. 

Befragung junger Erwachsener zu ihrem Finanzwissen

Eine weitere Erhebung durch das Forschungsinstitut Forsa im Auftrag des Fondsanbieters Union Investment kommt ebenfalls zu ernüchternden Ergebnissen. Hierbei wurden junge Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren zu ihrer ökonomischen Bildung befragt. 64 Prozent der Teilnehmer bewerten die Performance der Schulen bei ökonomischen Themen als mangelhaft oder ungenügend. Die in der Befragung vergebene Durchschnittsnote beträgt 4,8. Nur sechs Prozent meinen, dass die Schulen in der Bundesrepublik die Finanzbildung auf gute oder sehr gute Weise vermitteln.

Befragte schätzen ihr eigenes Finanzwissen als defizitär ein

Auch ihr eigenes Wissen rund um Finanzen und Wirtschaft schätzen die Befragte als defizitär ein. Mit den entsprechenden Themen beschäftigen sie sich nach eigenen Angaben nicht oft und nicht gern. Gleichzeitig sind sie der Ansicht, dass es sich bei der Ökonomie um eines der wichtigsten Themen handelt, um gut auf das Leben vorbereitet zu sein. 61 Prozent der Teilnehmer beurteilen das eigene Wissen zu diesen Themen als befriedigend oder ausreichend. Nur 19 Prozent erklärten, dass sie in diesem Bereich gut oder sehr gut informiert seien.

Experten fordern verstärkte Behandlung von Finanzthemen an Schulen 

Wirtschafts- und Finanzexperten halten die Ergebnisse dieser Studien für alarmierend. Sie fordern, die entsprechenden Themen stärker in den Lehrplänen an den Schulen zu berücksichtigen. Denn eine solide ökonomische Bildung ist eine wesentliche Voraussetzung, um mit guten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Entscheidungen als Konsument souverän zu treffen. In den vergangenen Jahren haben einige Bundesländer ökonomische Zusammenhänge stärker im Curriculum verankert. Die Auswirkungen dieser Initiativen sind bislang aber im Wissensstand und der Selbsteinschätzung der Jugendlichen und jungen Menschen offenbar noch nicht erkennbar.

Viele Schüler interessieren sich für ökonomische Zusammenhänge 

Ökonomische Themen sind sehr nahe am Lebensalltag. Schüler stellen bereits fest, dass Preise steigen, und möchten herausfinden, aus welchen Gründen es zur Inflation kommt. Auch plötzliche Preisschwankungen auf einzelnen Märkten sowie Monopole und Preisabsprachen, Arbeitslosigkeit, Konjunkturprogramme, Geldschöpfung, Kryptowährungen, Wechselkurse, Zölle und die Zinspolitik sind Themen, für die sich viele junge Menschen interessieren. Einige dieser Sachverhalte können gut in den Unterricht eingebunden werden. Daher ist noch eine Menge Potenzial vorhanden, um Schüler im ökonomischen Denken zu fördern und auf den Beruf vorzubereiten.

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Autor: Ronny Wagner

Ronny Wagner ist Finanz-Blogger, Geldcoach, Inhaber des Edelmetallhändlers Noble Metal Factory und Gründer der „Schule des Geldes e.V.“. Er widmet sich seit 2008 dem Thema „Finanzbildung“ und hält das für einen Teil der Allgemeinbildung. Dabei ist sein Ziel, Menschen in finanziellen Fragestellungen auszubilden, um dadurch ein Leben in Wohlstand zu erreichen.