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Europas Anlegern droht Enteignung

Enteignung… Die Geschichte kennt viele solcher Situationen, in den die Sparer zur Kasse gebeten wurden. In Großbritannien stieg der Schuldenstand Ende der 1940er Jahre auf über 200 Prozent des britischen Bruttoinlandsproduktes. Churchill reagierte und bat die britischen Sparer zur Kasse. Für britische Staatsanleihen erhielten sie Zinsen deutlich unterhalb der Inflationsrate.
Das Amerika der Nachkriegszeit – das war vor allem die Zeit eines gewaltigen Booms, der dem zeitgleichen westdeutschen Wirtschaftswunder kaum nachstand: Von 1946 bis 1973 wuchs die Wirtschaft der USA jährlich um durchschnittlich 3,8 Prozent, die steigenden Einkommen ermöglichten vor allem der amerikanischen Mittelschicht einen wirtschaftlichen Aufstieg wie niemals zuvor oder danach: Eigenheime und Autos, Farbfernseher und elektrische Küchengeräte wurden zu Selbstverständlichkeiten des amerikanischen Traums.

Doch es gab auch ein anderes Phänomen. Das hängt mit der US-Staatsverschuldung zusammen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf erschreckende 116 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) gestiegen war. Ohne Zweifel haben die Jahre des starken Wachstums Amerika dabei geholfen, diesen gigantischen Schuldenberg abzutragen. Aber auch die permanente, schleichende Enteignung der Sparer durch den Staat führte zu einem raschen Abbau der amerikanischen Staatsschulden. Dazu kommt es, wenn die Zinsen, zu denen sich der Staat von seinen Bürgern Geld leiht, niedriger sind als die Inflation. Ökonomen sprechen dann von einem negativen Realzins. Den Prozess der Enteignung nennen sie finanzielle Repression. Den Amerikanern der Nachkriegszeit fiel gar nicht auf, dass ihr gespartes Vermögen real an Wert verlor. Es ging ihnen wie dem Helden im Märchen „Hans im Glück“ der Gebrüder Grimm: Mit jedem neuen Tausch ist Hans hochzufrieden, ohne zu merken, dass aus einem Goldklumpen am Ende zwei Steine geworden sind. Tatsächlich reduzierte die finanzielle Repression den Schuldenstand in den USA – ebenso wie zur gleichen Zeit in Großbritannien – um drei bis vier Prozent des BIPs pro Jahr.

Eine ähnlich kalte Enteignung ist in der heutigen Zeit ein reales Szenario und könnte den Sparern der USA und Europas auch jetzt wieder bevorstehen. Trotz Jahrzehnten des Friedens, haben die Schulden vieler Industriestaaten erneut eine Dimension wie zu Kriegszeiten erreicht. Während die Wirtschaftsleistung dieser Länder seit 1991 um 65 Prozent gestiegen ist, legten die Schulden fast dreimal so schnell um 183 Prozent zu. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Um 300 Milliarden Euro werden sich allein die Euro-Länder im laufenden Jahr zusätzlich verschulden. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Zusätzliche müssen die Regierungen permanent fällige Anleihen bedienen, was den Refinanzierungsbedarf auf ein Vielfaches erhöht. Denn: Schulden werden in der heutigen Zeit nicht getilgt, sondern durch neue Schulden ersetzt.

Die Marktteilnehmer an den weltweiten Finanzmärkten sind indes sehr skeptisch, dass die Staatsschulden einiger Länder problemlos bedient werden können. Eine ökonomische Regel lautet: Erreicht der Schuldenstand eines Landes 90 Prozent der Wirtschaftsleistung dieses Landes , wird das Wachstum so sehr gedrückt, dass eine Refinanzierung zum Problem wird. Deswegen müssen sich nun alle entschulden, angefangen bei der Weltmacht USA, die mit 15 Billionen Dollar oder 101 Prozent vom BIP in der Kreide steht und seit 1962 bereits 75-mal die Obergrenze ihrer zulässigen Verschuldung erhöht hat.

Wie kann dieser gigantische Schuldenberg jemals abgetragen werden? Wie häufig in der Geschichte läuft alles auf eine schleichende Enteignung der Sparer hinaus. Das ist für die Politiker leichter durchsetzbar als strikte Sparpläne. Hinzu kommt: Die Sanierung der Staatsfinanzen hat Grenzen. Beispiel Griechenland. Als Folge von Lohn- und Rentenkürzungen, Entlassungen und Steuererhöhungen schrumpfte die Wirtschaft des noch immer von der Staatspleite bedrohten Landes zuletzt um mehr als fünf Prozent. Eine Entschuldung ist definitiv unumgänglich. Das wird sanft und von vielen Menschen unbemerkt über niedrige Zinsen und eine höhere Inflationsrate geschehen. Vieles spricht dafür, dass sich die Staaten in den nächsten Jahren für eine Kombination aus finanzieller Repression und Inflation entscheiden.

Der Effekt ist der gleiche wie bei einem Schuldenschnitt, nur dass es keine Panik auf den Märkten gibt. Über mehrere Dekaden nimmt das Vermögen beständig ab, besser gesagt die Kaufkraft des Vermögens. Es schmerzt nicht so sehr, weil es langsam und geräuschlos geht. Ein Blick in die Geschichte zeigt uns, dass der Realzins in den Industrieländern in der Hälfte der Jahre zwischen 1945 und 1980 negativ war. Im Schnitt lag er bei minus 1,6 Prozent. Ein klares und eindeutiges Zeichen, wie Entschuldungsprozesse von Staaten funktionieren.

In einer Inflationsphase steigt der Nominalzins mit der Inflation, da die Anleger einen Ausgleich für die Geldentwertung fordern, und der Realzins somit konstant bleibt. Doch dank staatlich verfügter Zinsobergrenzen und Regulierungen des Anlageverhaltens blieb der Nominalzins in der Vergangenheit konstant. So lag die Inflation 1981 in den USA bei 8,9 Prozent, der regulierte Sparzins dagegen nur bei fünf Prozent und der regulierte Sichteinlagenzins sogar bei null Prozent.

Auch heute greift der Staat zu diesen manipulativen Maßnahmen. So gibt es Gesetze, die Pensionsfonds und Versicherungen dazu veranlassen, bestimmte Teile ihrer Anlegergelder in Staatspapiere zu investieren. Auch die Zentralbanken spielen am Markt für Staatsanleihen eine wichtige Rolle. In der aktuellen Krise hat allein die EZB seit Mai 2010 für 211 Milliarden Euro Anleihen gekauft und damit für Länder wie Italien, Spanien und Portugal die Zinsen deutlich gedrückt.

In der Kritik stehen auch die Basel-II-Vorschriften, nach denen die Banken für Staatsanleihen kein Eigenkapital vorhalten müssen, für Unternehmensanleihen aber sehr wohl. Nach den Erfahrungen mit Griechenland eine völlig absurde Vorschrift. Die neuen Liquiditätsvorschriften nach Basel III verschärfen diese Problematik weiter.

Fazit: Ohne eine erhöhte Inflation und finanzielle Repression kann die Entschuldung Deutschlands nicht funktionieren. Unter der Annahme, dass die Zinsen durchschnittlich bei 2,5 bis 3,0 Prozent liegen und die deutsche Wirtschaft um 1,5 Prozent wächst, würde bei einer Inflationsrate von 1,5 Prozent der deutsche Staat – trotz Einhaltung der Schuldenbremse – 40 Jahre brauchen, um den aktuellen Schuldenstand auf 31 Prozent zu senken. Das ist deutlich zu lange. Die Enteignung des deutschen Steuerzahlers ist daher unvermeidbar.

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Autor: Ronny Wagner

Ronny Wagner ist Finanz-Blogger, Geldcoach, Inhaber des Edelmetallhändlers Noble Metal Factory und Gründer der „Schule des Geldes e.V.“. Er widmet sich seit 2008 dem Thema „Finanzbildung“ und hält das für einen Teil der Allgemeinbildung. Dabei ist sein Ziel, Menschen in finanziellen Fragestellungen auszubilden, um dadurch ein Leben in Wohlstand zu erreichen.